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Neue Produkte aus unserem Rundholz - Interview mit Prof. Dr. Klaus Richter, TUM

Die Schadholzmenge in bayerischen Wäldern betrug im Jahr 2019 über neun Millionen Kubikmeter. Der drastische Anstieg von verfügbarem Rundholz stellt die Forst-, Holz- und Papierindustrie vor neue Herausforderungen. Moderne, holzbasierte Bioökonomie bietet hier vielfältige Chancen und Anwendungsfelder - auch für Schadholz. Prof. Dr. Klaus Richter, Leiter der Holzforschung München berichtet im Interview über den derzeitigen Stand und die Entwicklung der holzbasierten Bioökonomie in Bayern.

 Prof. Dr. Klaus Richter, Leiter der Holzforschung München Prof. Dr. Klaus Richter, Leiter der Holzforschung München

Sehr geehrter Herr Prof. Richter, seit geraumer Zeit ist das Thema „Bioökonomie“ ein Top-Thema, auch in der Politik. Was heißt das für unsere heimische Forst- und Holzwirtschaft?

In der Tat haben die aktuellen Diskussionen um den Klimawandel weltweit dem Thema „Bioökonomie“ einen starken Schub gegeben. Gerade für Holz bieten sich hier vielfältige Chancen, ohne eine Diskussion Tank-Teller vom Zaun zu brechen. Nach Definition sind alle Teilbranchen des gesamten Clusters Forst und Holz der Bioökonomie zuzuordnen, angefangen von der Forstwirtschaft über das Bauen mit Holz und Holzwerkstoffen und den Innenausbau bis zur Papier- und Zellstoffproduktion. Aber natürlich setzen wir nach unserem Verständnis einer modernen holzbasierten Bioökonomie den Schwerpunkt bei der Entwicklung von neuen, innovativen Produkten und Verfahren basierend auf Holz, Rinde oder deren molekularen Bausteinen. Das kann das Thema Plattformchemikalien auf Holzbasis sein, neue Wirkstoffe für die Pharmazie oder neue Werkstoffe oder Produkte für Verpackungslösungen. Gerade für Letztere sehe ich auch international neue Ansätze, um Kunststoffe zu ersetzen, die energieintensiv hergestellt werden und als Plastikmüll unsere Umwelt belasten.

Wie beurteilen Sie die derzeitigen Ansätze für eine holzbasierte Bioökonomie in Bayern?

Bayern mit einer starken Agrar- und Forstwirtschaft und seiner guten Forschungs- und Industrie-Infrastruktur kann ein wichtiger Player in der Bioökonomie werden. Allerdings braucht es, ähnlich wie in Skandinavien, neben der starken öffentlichen Forschung auch eine höhere Innovationstätigkeit der Unternehmen, abgestützt auf verlässliche Planungsgrundlagen in Bezug auf die Verfügbarkeit und Qualität der nutzbaren Roh- und Reststoffe. Die Politik muss zudem mit den entsprechenden Rahmenbedingungen die Weichen stellen für eine nachhaltigere Zukunft. Konkrete Pläne für Demonstrationsanlagen, in denen holzhaltige Biomasse zu unterschiedlichsten Endprodukten verarbeitet werden kann, finden sich aktuell für Straubing in Verbindung mit dem dort ansässigen BioCampus und sind geplant in Waldkraiburg in Verbindung mit der Technischen Hochschule Rosenheim. Ich rufe alle interessierten Akteure aus Industrie und Wirtschaft auf, diese Aktivitäten bei der Umsetzung zu unterstützen und anschließend diese Anlagen für die eigene Innovationsentwicklung systematisch zu nutzen. Meine Mitarbeiter der Holzforschung der Technischen Universität München und die Kollegen der fachspezifischen Hochschul- und Forschungsinstitute stehen hierzu gerne unterstützend zur Verfügung.

Was müssen wir jetzt tun, um – auch mit Blick auf die hohen Schadholzmengen aus der Forstwirtschaft – neue Absatzwege für Holz zu entwickeln?

Der erste Schritt ist sicher die Kommunikation der Potenziale einer nachhaltigen Holznutzung generell: Wir müssen der Gesellschaft verdeutlichen, dass wir unsere heimischen Wälder nachhaltig und auf möglichst gesamter Fläche nutzen müssen. Denn Holzverwendung ist aktiver Klimaschutz und vereinbart ökonomische, ökologische und soziale Aspekte wie in keiner anderen Branche. Es muss untersucht und belegt werden, dass die bayerische Strategie des „Nützen und Schützen auf gleicher Fläche“ die vielfältigen Funktionen des Waldes am besten bedient.

Dann müssen wir Innovationen weiter vorantreiben. Dazu braucht es eine weitere Förderung der Grundlagen- wie auch der angewandten Forschung. Letztere ist ein wichtiges Bindeglied von der Überführung neuer Erkenntnisse in eine tatsächliche Nutzung und industrielle Anwendung. Und unsere Unternehmen müssen Chancen und Potenziale für die Bioökonomie proaktiv annehmen und nicht erst dann agieren, wenn die fossilen Rohstoffe in ihrer Verfügbarkeit wirklich erschöpft sind. Dazu braucht es Informationen und Austausch zwischen den Branchen. Hier kommen die bayerischen Cluster ins Spiel, die eine wichtige Rolle bei der Vernetzung von gesamten Branchen, so zum Beispiel der Chemie mit der Forst- und Holzwirtschaft spielen. So können ganz neue Netzwerke in der Industrie entstehen. Und nicht zuletzt müssen wir die Frage der richtigen Skalierung beleuchten: Liegt die Zukunft in wenigen großen Produktionsstandorten oder sind kleine und mittlere sogenannte Bioproduktewerke möglicherweise besser in unsere bayerische Unternehmenslandschaft zu integrieren?

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