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Gesellschaft ohne Forst und Holz undenkbar - Interview mit Marcus Kühling

Die Situation ist dramatisch: Nach aktuellen Erhebungen gehört Bayern mit 11 Mio. Kubikmetern Schadholz zu den drei am stärksten betroffenen Bundesländern. Die Bundesregierung unterstützt die Wald- und Holzwirtschaft auf mehreren Ebenen. Im Interview informiert Marcus Kühling, Leiter des Bereiches Wald und Holz bei der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (FNR), nicht nur über Förderprogramme...

 FNR Marcus Kuehling

Marcus Kühling, Referent für Öffentlichkeitsarbeit, leitet den Bereich Wald und Holz bei der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (FNR); Foto: W. Stelter/FNR

 

Herr Kühling, in der Forst- und Holzwirtschaft breitet sich angesichts der Dürre-Jahre 2018 und 2019 und eines möglicherweise bevorstehenden trockenen Sommers 2020 zunehmende Besorgnis aus. Von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie einmal abgesehen – wie stellt sich Ihnen aktuell die Situation der Waldschäden in Deutschland dar?

MK: Die momentane Situation ist dramatisch: Viele Waldbesitzende sehen die Arbeit vorheriger Generationen im Wald zerstört und holzbe- und -verarbeitende Betriebe sorgen sich um den Rohstoff ihrer Existenz. Nach aktuellen Erhebungen des Bundeslandwirtschaftsministeriums gehört Bayern mit 11 Millionen Kubikmetern Schadholz zu den drei in den Jahren 2018 und 2019 am stärksten von Waldschäden betroffenen Bundesländern. Das bundesweit höchste Schadholzaufkommen in diesem Zeitraum meldete Nordrhein-Westfalen mit über 16 Millionen Kubikmetern. Und auch in diesem Jahr hat es in vielen Regionen Deutschlands bisher zu wenig geregnet. Der April erreichte kaum ein Drittel der üblichen Regenmenge. Das hat zahlreiche Waldbrände zur Folge. Das Bundeslandwirtschaftsministerium geht für den Zeitraum 2018 bis 2020 deutschlandweit von geschätzten160 Millionen Kubikmetern Schadholz und rund 245.000 Hektar Schadflächen aus.

 

Wie effektiv kann die Bundesregierung die Wald- und Holzwirtschaft unterstützen?

MK:  Diese Unterstützung geschieht auf mehreren Ebenen. Zum einen stellt das BMEL Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAK) den Ländern bis 2023 Bundesmittel in Höhe von 480 Millionen Euro zur Verfügung. Mit Finanzbeteiligung der Länder stehen insgesamt knapp 800 Millionen Euro für die Aufarbeitung von Schadholz, für Wiederaufforstungen und den klimaangepassten Waldumbau bereit.

Für private Waldbesitzer steuert die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe mit der Webseite privatwald.fnr.de und einer Broschüre ganz praktische Informationen zur finanziellen Förderung und Entlastung privater Waldeigentümer bei.
Fach- und Verbraucherinformationen zu den Themen rund um Wald und Holz bietet die FNR für alle gesellschaftlichen Gruppen an. Damit werden objektive Informationen zur Verfügung gestellt.S

Zum zweiten unterstützen Bundeslandwirtschafts- und Bundesumweltministerium bereits seit 2013 über ihren gemeinschaftlich finanzierten Waldklimafonds Forschungsprojekte in den Bereichen Forst und Holz. Aktuell laufen hier mehr als 130 Forschungs- und Modellvorhaben. Erst im Mai 2020 sind 22 neue Projekte zur Beseitigung von Waldbrandschäden und zur Prävention von Waldbränden gestartet. Außerdem betreut die FNR weitere gut 300 Forschungsvorhaben zur nachhaltigen Forst-und Holzwirtschaft, die vom BMEL über das Förderprogramm Nachwachsende Rohstoffe finanziert werden. Darunter sind Projekte zur Genetik und Züchtung ebenso wie zur nachhaltigen Waldbewirtschaftung oder zur stofflichen und energetischen Nutzung von Holz.

Ein dritter wesentlicher Bestandteil zur Unterstützung des Clusters Wald und Holz ist die gesellschaftliche Aufklärung. Hier werden wiederum Forschungsprojekte über beide Programme gefördert und von der FNR betreut. Unterstützend wirken auch die Baufachberatung und die Koordinierung der Charta für Holz 2.0 durch die FNR.

 

Stichwort Holzbau: Wurde noch zu Jahresbeginn bei den Bauinvestitionen für den Holzbau in Deutschland mit einem Zuwachs gerechnet, so geht man für 2020 derzeit von Stagnation oder gar Rückgang aus. Sehen Sie dennoch Anlass für einen vorsichtigen Optimismus?

MK: Aktuelle Wirtschaftsprognosen für 2021 geben durchaus Anlass zu Optimismus. Der Sektor Forst und Holz ist unverzichtbar für das Erreichen der Klimaziele und maßgeblich für die hiesige Wirtschaft. Ein wesentlicher Faktor dabei ist die Minderung der CO2-Emissionen. Langlebige Holzprodukte wie Holzbauten punkten mit positiver Klimabilanz, weil ihre Herstellung kaum mit fossilen CO2-Emissionen einhergeht, und weil der vom Baum als CO2 aufgenommene Kohlenstoff für die gesamte Nutzungsdauer im Holzprodukt gebunden bleibt.

Diese Zusammenhänge in die Öffentlichkeit zu tragen, ist auch Aufgabe der Baufachberatung der FNR. Hier sind wir unermüdlich dabei, auf Messen und Veranstaltungen, aber auch über Fachgespräche, Workshops, Seminare Fachkreise und Verbraucher über die Vorteile von Holz und nachwachsenden Materialien aufzuklären.

Zu Jahresbeginn startete die FNR für Länder, Kommunen und Gemeinden eine Seminarreihe zum Holzbau im öffentlichen Raum; die Nachfrage ist groß. Im April gab das BMEL einen Förderaufruf heraus: Gesucht werden Projektideen zum Möbel- und Innenausbau mit Holz. Daraus resultieren gemeinsame Schnittmengen zwischen Projektmanagement und Bauberatung der FNR mit der Charta für Holz 2.0 des BMEL.

 

Welche in der Praxis messbaren Effekte resultieren aus der Charta für Holz?

MK: Die Charta für Holz 2.0 ist ein 2017 vom BMEL initiierter Dialogprozess zur Stärkung der Verwendung von Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft zugunsten von Klimaschutz, Ressourcenschonung und Wertschöpfung im ländlichen Raum. Sechs Arbeitsgruppen aus Fachleuten des Clusters Forst und Holz bearbeiten mit Unterstützung der FNR die sechs Handlungsfelder der Charta. Die Arbeitsgruppen geben unter anderem praxistaugliche Empfehlungen an Politik und Verwaltungen, beispielsweise zur Novellierung der Landesbauordnungen – mit dem Ziel, Benachteiligungen des Holzbaus gegenüber dem konventionellen Bauen zu beseitigen – oder die Logistik im Holztransport an aktuelle Anforderungen wie das vermehrte Schadholzaufkommen anzupassen. Um die Charta stärker in die Öffentlichkeit zu tragen, hat das BMEL die Veranstaltungsreihe „Charta für Holz 2.0 im Dialog“ initiiert. Wissenschaftler und Politiker tauschen ihre Sichtweisen aus mit Vertretern quer durch die Gesellschaft und mit dem Ziel, die Verwendung nachhaltig erzeugten Holzes auch zugunsten des Klimaschutzes zu intensivieren.

 

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