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Forstwirtschaft und Naturschutz – Interview mit Prof. Dr. Klaus Richter, Lehrstuhl für Holzwissenschaft der TU München

Wie die Clusterstudie gezeigt hat, spielt die Forst- und Holzwirtschaft insbesondere im ländlichen Raum eine bedeutende Rolle als Arbeitgeber und leistet einen wertvollen Beitrag zur Wertschöpfung in unserer Volkswirtschaft. Der Verzicht auf Holznutzung durch Flächenstillegungen reduziert die Reaktionsmöglichkeiten der Gesellschaft im Bezug auf Klimawandel und Energiewende.
Wolfgang Mai von der Clustergeschäftsstelle sprach zu diesem Thema mit Prof. Dr. Klaus Richter, dem Leiter des Lehrstuhls für Holzwissenschaft der TU München. Zu den Forschungsschwerpunkten von Prof. Richter gehören u.a. die Kaskadennutzung von Holz und Nachhaltigkeitsbewertungen wie Lebenszyklusbetrachtungen und Ökobilanzierungen.

Prof. Dr. Klaus Richter, Lehrstuhl für Holzwissenschaft der TU München
Prof. Dr. Klaus Richter, Lehrstuhl für Holzwissenschaft der TU München

1) Herr Prof. Richter, Biodiversität ist ein Aspekt des Umwelt- und Naturschutzes. Wie sehen Sie den Wunsch größere Waldflächen völlig unbewirtschaftet zu lassen in Konkurrenz zu den drängenden Problemen des Klimawandels und der Energiewende?

Eine zentrale Herausforderung des 21. Jahrhunderts ist die Sicherstellung von ausreichenden Ressourcen für die Bedürfnisse von mehr als 9 Milliarden Menschen. Aufgrund seiner vielfältigen Einsatzmöglichkeiten sowohl in der stofflichen Nutzung (Bau-, Werk-, Faserstoff, Biopolymer) als auch in der Energieerzeugung (Wärme, Strom, BTL Kraftstoff) wird Holz als erneuerbare Ressource zukünftig eine weit bedeutendere Stellung als heute einnehmen, und das sowohl für die globale als auch für die nationale und regionale Rohstoffversorgung. Wir haben mit der verantwortungsvollen Nutzung von Holz, gestützt auf eine naturnahe forstliche Bewirtschaftung unserer Wälder, ein annähernd ideales Modell einer kreislaufgerechten Ressourcenbereitstellung entwickelt, welches keineswegs durch einen willkürlich festgelegten flächenbezogenen Nutzungsverzicht einschränkt werden sollte. Die nachweisbaren Umweltvorteile, die Holz bei Nutzung als Roh-, Werk- und Energiestoff im Vergleich zu anderen technischen Materialien und fossilen Energieträgern aufweist, könnten nicht im vollen Umfang genutzt werden. Wir haben diesbezüglich z.B. aufzeigen können, dass ein Nutzungsverzicht in Wäldern in Bezug auf den Klimawandel nur kurzfristige Vorteile bietet, sich aber nach 30 Jahren eine nutzungsorientierte Bewirtschaftung als deutlich vorteilhafter erweist, wenn man die Kohlenstoffspeicherung und die Substitutionseffekte mit einbezieht.

2) Herr Prof. Richter, die Holzwirtschaftsverbände sind nicht der Ansicht, dass weitere Schutzgebiete notwendig sind. Angesichts des hohen Rohstoffbedarfs der einheimischen Holzbranche würde dies wohl zu einem weiteren Anstieg der Rohholzpreise und zu einer Erhöhung der Importrate führen. Wären - international gesehen - Unterschutzstellungen nicht gerade kontraproduktiv und würden den energetisch hocheffizienten Baustoff aus Preisgründen sogar vom Markt verdrängen?

Mit Sicherheit werden Flächenstilllegungen in den betroffenen Regionen zu Strukturveränderungen und Einkommensverlusten der regionalen Wertschöpfungskette Holz führen, und es gibt berechtigte Zweifel, dass diese durch die erhofften Tourismuseinnahmen regional aufgefangen werden können. Ich argumentiere aber nicht mit möglichen Kostensteigerungen gegen die pauschalen Flächenstilllegungen, sondern weil sie gesamtheitlich kontraproduktiv sind, wenn wir die Folgen mit den Optionen eines integrativen Landnutzungs- und -schutzkonzeptes vergleichen. Beide Strategien zielen auf eine Erhaltung und Verbesserung der Biodiversität in Waldsystemen ab, ein von allen Akteuren gestütztes und akzeptiertes Ziel. Wenn es nun gelingt, die Holznutzung basierend auf dem Integrationsmodell der breiten Bevölkerung mit Fakten und Beispielen als ökologisch und ökonomisch vorteilhaftes Modell einer regionalen Ressourcenbereitstellung zu positionieren, dann wird das für die Holzverwendung gesamthaft positive Wirkungen zeigen. Eine Unterschutzstellung von 5 oder 10% der Fläche impliziert, dass auf den restlichen Flächen die Nutzung mit negativen Folgen geschieht, und das widerspricht dem Bild einer nachhaltigen Waldwirtschaft. Das verpflichtet die Forstpraxis natürlich, die Umsetzung des Integrationsmodells vorbildlich zu betreiben, ihre Prozesse kontinuierlich zu verbessern und die Wirkungen der Integration mit Fakten zu belegen. Das Verweisen auf die wirtschaftlichen Folgen steigender Importraten halte ich primär für nicht zielführend, weil der Holzmarkt neben der zu präferierenden regionalen Versorgung stets auch eine internationale Dimension hat, und zudem die Holzmarktpreise sehr volatil sind. Die ökologische Bewertung belegt, dass durch die Transportaufwendungen die regionale Versorgung vorteilhafter ist, wobei diese Unterschiede mit steigender Bearbeitungsintensität der Produkte abnehmen. Das Verweisen auf andere - unterstellt schlechtere - Waldbewirtschaftungspraktiken, mit denen Importhölzer eventuell bereitgestellt werden, halte ich als ungeeignetes Argument, um eine einheimische Flächenstilllegung zur Biodiversitätserhaltung zu vermeiden. Diese Vorwürfe müssten nachgewiesen werden und sollten, wenn zutreffend, zu anderen Maßnahmen führen. Moralisch allerdings erachte ich es als bedenklich, wenn die deutsche Forstwirtschaft ihre nachhaltige Ressourcenbereitstellung bewusst einschränkt, um die Bedarfsdeckung der Holzversorgung dann über Importe sicherzustellen.

3) Herr Prof. Richter, Sie haben lange in der Schweiz gelebt und an der dortigen Materialprüfungsanstalt EMPA gelehrt und geforscht. Wie würden Sie den aktuell in der Bundesrepublik ablaufenden Politikprozess mit einer nationalen (NBS) und bayerischen (BBS) Biodiversitätsstrategie einordnen? Mit ziemlich unterschiedlichen Mitteln - Segregationsmodell der NBS und Integrationsmodell der BBS - wird ein ähnliches Biodiversitätsziel angestrebt. Glauben Sie, dass unsere repräsentative Demokratie bei einer so gewichtigen Entscheidung wie der Flächenstillegung das richtige Konzept bietet? Oder würden Sie den Betroffenen neben einer Beeinflussung der repräsentativen Mandatsträger auch einen Schritt in Richtung direkte Demokratie i.S. eines Volksbegehrens empfehlen?

Ich habe die Erfahrungen im Umgang mit den Volksbegehren, wie sie in der Schweiz durchgeführt werden, als weitgehend positiv empfunden und nehme auch heute noch als Doppelbürger aktiv an den Abstimmungen auf kantonaler und nationaler Ebene teil. Vorteilhaft daran ist, dass die Initianten und Gegner von Vorlagen ihre Argumente in die Bevölkerung bringen und somit über die Medien eine breitere Plattform finden, um auf die Anliegen aufmerksam zu machen. Das ist bei Abstimmungen der Volksvertreter in den Parlamenten nicht im gleichen Maße der Fall. Bezogen auf die laufenden Diskussionen um die Biodiversitätsstrategie in Deutschland muss man konstatieren, dass dies eine Debatte in Fachkreisen und unter den direkt Betroffenen ist. Weite Teile der Bevölkerung sind darüber nicht informiert und werden sich schwer tun, aus den Fakten und Argumenten der Parteien eine eigene Meinung zu bilden. Auch scheint der Betroffenheitsbezug, den ich als wichtig für partizipative Abstimmungen erachte, hier nicht gegeben. Regionale Abstimmungen jedoch, wie z.B. im konkreten Falle des Nationalparks Nordschwarzwald, hat es ja auch bei uns begeben. Wenn sich dann das Stimmvolk, weil es sich keine eigene Meinung bilden will oder das Thema zu komplex ist, unreflektiert den Empfehlungen der Parteien oder Initianten anschließt, verfehlt eine Volksabstimmung ihr Ziel. Daher erachte ich persönlich die Diskussion um die Biodiversitätsstrategie nicht als geeignet für ein Volksbegehren.

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