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Interview mit Dr. Tobias Frühbrodt

Interview „Sauber aus dem Winter“: Im Gespräch mit dem Forstentomologen Dr. Tobias Frühbrodt (Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft)

 Tobias Frühbrodt

Herr Dr. Frühbrodt, wie bewerten Sie rückblickend die Waldschutzsituation 2024 in Bezug auf die beiden häufigsten Borkenkäferarten Buchdrucker (Ips typographus) und Kupferstecher (Pityogenes chalcographus)?

Die Vorzeichen für das Borkenkäferjahr 2024 waren zunächst schlecht: Rekordschadholzmengen im letzten Jahr mit 6,3 Mio. Festmetern, das heißt enorm hohe Ausgangspopulationen, dazu in den südlichen Landesteilen große Mengen an Schneebrüchen, die im Frühjahr ideales Bruthabitat für Buchdrucker und Kupferstecher darstellen. Zudem begann der Frühjahrsschwarm bereits Anfang April und sehr intensiv. Auch der massive Ausflug der ersten Jungkäfergeneration stellte sich durch rekordverdächtig hohe Fangzahlen in unseren Monitoringfallen dar. Schlussendlich führten sehr wahrscheinlich die überdurchschnittlich hohen Niederschläge und regional auch die konsequente Aufarbeitung von befallenen Bäumen dazu, dass die Schadholzmengen in vielen Landesteilen dennoch deutlich unter den Vorjahreswerten lagen. Obwohl die aktuell gemeldeten Schadholzmengen deutlich niedrigerer liegen als im vergangenen Jahr ist es wichtig festzuhalten, dass sie sich auch weiterhin auf einem sehr hohen Niveau befinden. Insofern bleibt die Lage nach wie vor brisant und ein Ende der 2015 begonnenen Massenvermehrung ist zunächst nicht in Sicht.

Trotz der vergleichsweise hohen Niederschläge im Jahr 2024 konnten sich drei Generationen Buchdrucker entwickeln. Woran liegt das?

Die Niederschläge beeinflussen die Buchdruckerentwicklung unter der Rinde kaum. Der entscheidende Faktor ist die Temperatur – und die lag in allen Monaten trotz des reichlichen Niederschlags deutlich über dem langjährigen Mittel. Insofern konnte die Entwicklung dennoch rasant ablaufen.

Warum ist die Schadholzmenge, die 2024 in Folge von Borkenkäferbefall gemeldet wurde, trotzdem um rund ein Drittel niedriger als 2023?

Die Gründe sind sicher vielschichtig. Zunächst bedeuten drei Generationen zwar ein enorm hohes Vermehrungspotenzial, aber auch die Mortalität spielt eine wichtige Rolle und die war dieses Jahr offensichtlich groß. Die witterungsbedingt verbesserte Vitalität der Fichten und somit erhöhte Abwehr ist sicherlich ein Grund, regional aber auch, dass das Management besser vorbereitet war und so die rechtzeitige Aufarbeitung von Befallsbäumen effizienter funktioniert hat. Letztlich kann aber auch Brutraumkonkurrenz in manchen Regionen eine Rolle gespielt haben. Dazu passt, dass wir einen leichten Rückgang der ZE-Mengen (ZE = Zufällige Ergebnisse = außerplanmäßiger Holzeinschlag) in den Hauptschadgebieten des vergangenen Jahres beobachten konnten, die aber weiterhin Schwerpunktgebiete blieben. Leichte Zunahmen gab es dagegen in den südlichen Landesteilen, insbesondere in den Gebieten mit erhöhtem Schneebruchaufkommen im Frühjahr.

Was muss jetzt getan werden, um eine weitere Ausbreitung der Fichtenborkenkäfer einzudämmen?

Aktuell ruhen die Buchdrucker – zum Großteil noch unter der Rinde ihrer Überwinterungsbäume. Daher ist der Winter eine große Chance, befallene Bäume auch jetzt noch zu erkennen und aufzuarbeiten. Je früher dies gelingt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass an milden Wintertagen oder durch Rindenabfall nach Frost Jungkäfer in die Bodenstreu gelangen und so für die Bekämpfung unerreichbar werden. Tatsächlich können jetzt die Weichen gestellt werden für eine möglichst günstige Ausgangslage im kommenden Frühjahr – ganz nach dem Motto „Sauber aus dem Winter“.

Woran forscht die LWF aktuell in Bezug auf Borkenkäfer?

Aktuell untersuchen wir die Wirksamkeit des Rindenschlitzens mit Motorsägenaufsatz als therapeutische Maßnahme, d. h. bei bereits befallenen Stämmen. Präventiv ist diese Methode bereits etabliert und für kleine Schadholzmengen oder in schwierigem Gelände dazu geeignet, beispielsweise Wind- oder Schneebruch für den Buchdrucker untauglich zu machen. In einem weiteren Projekt gehen wir der Frage nach, wie der Umgang mit Kalamitätsflächen Waldstrukturen schaffen kann, die für den Buchdrucker möglichst unattraktiv sind. Zahlreiche Studien belegen bereits, dass eine höhere Baumartenmischung und heterogene Altersstrukturen in Fichtenbeständen das Befallsrisiko deutlich senken. Wir möchten dieses Wissen zusammentragen und auf die Situation in Bayern übertragen.

Buchdrucker und Kupferstecher befallen vornehmlich Fichten. Wenn wir einen Blick auf andere Baumarten werfen – wo sehen Sie in naher Zukunft aus forstentomologischer Sicht die größten Herausforderungen für den Waldschutz?

In Bezug auf holz- und rindenbrütende Arten werden Buchdrucker und Kupferstecher an der Fichte auch in den nächsten Jahren die relevantesten Arten bleiben. Aktuell beobachten wir jedoch auch kritische Tendenzen an der Eiche in einigen Regionen Frankens. Dort nimmt der Zweipunktige Eichenprachtkäfer zu und verursacht in manchen Beständen das Absterben von Bäumen. Zwar ist die betroffene Fläche insgesamt bisher im Vergleich, beispielsweise zum Buchdrucker an der Fichte, klein, dennoch nehmen wir das Problem sehr ernst. Nicht zuletzt, weil der Eiche aufgrund ihrer erwarteten Klimaanpassung, ihres Wertes als Lebensraum für zahlreiche Tierarten und ihres wertvollen Holzes eine besondere Bedeutung zugeschrieben wird.

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