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Interview „Lagerung und Verwendung von Kalamitätsholz“: Im Gespräch mit Dr. Michael Lutze, Experte für Holzverwendung, -lagerung und -sortierung (Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft)

 

Dr. Michael Lutze, Experte für Holzverwendung, -lagerung und -sortierung (Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft)

 

Herr Dr. Lutze, seit einigen Jahren beobachten wir regelmäßig großflächige Kalamitäten, verursacht unter anderem durch Borkenkäfer, Dürre und Hitzewellen. Was bedeutet dies für die (heimische) Forst- und Holzwirtschaft?

Die von Ihnen genannten extremen Wetterereignisse und die daraus resultierenden Massenvermehrungen von Borkenkäfern führen zu Kalamitäten, die uns zeigen, dass wir mitten im Prozess des Klimawandels leben. Wir müssen akzeptieren, dass sich die Lebensverhältnisse auf unserem Planeten ändern und dies wird die Forst- und Holzwirtschaft massiv beeinflussen.

Es ist unabdingbar, die Widerstandskraft der Wälder gegenüber dem Klimawandel zu erhöhen. Das bedeutet insbesondere für naturferne Nadelholzbestände und vor allem für Fichtenreinbestände, dass sie - soweit noch nicht geschehen - baldmöglichst in Mischwälder mit einem hohen Anteil an Baumarten, die mit dem sich verändernden Klima besser zurechtkommen, umgebaut werden.

Darüber hinaus müssen neben waldbaulichen Maßnahmen verstärkt Investitionen in die forstliche Infrastruktur getätigt werden, hier sollte ein Fokus auf Holzlagerplätzen liegen, denn die durch Kalamitäten verursachten unregelmäßigen Holzanfälle können so besser ausgeglichen und die heimische Holzwirtschaft laufend mit Rohstoffen versorgt werden.

Wie lässt sich ein Qualitätsverlust des Holzes, beispielsweise durch nachfolgenden Schädlings- oder Pilzbefall, verhindern, wenn Kalamitätsholz nicht zeitnah verarbeitet werden kann?

Bei Ihrer Frage möchte ich nicht das gesamte bei einer Kalamität anfallende Holz betrachten, sondern nur Holz, das auch bei einem normalen Einschlag als sägefähiges Stammholz bezeichnet wird. Der Qualitätsverlust von Stammholz lässt sich durch sachgerechtes Nasslagern verhindern. Diese Methode ist bewährt und es liegen genügend Erfahrungen vor. Holz guter Qualität, also etwa Holz der Qualitätsklasse B und der Mischqualität B/C, kann bei fachlich guter Bewässerung ein bis zwei Jahre gelagert werden und kommt mit der gleichen Qualität aus dem Lager, wie es hineingekommen ist.

Die Einrichtung und der Betrieb von Nasslagerplätzen sind kostenintensiv und aufwendig. Welche Möglichkeiten gibt es, solche Lagerkapazitäten wirtschaftlich sinnvoll aufzubauen, und existieren technisch umsetzbare und wirtschaftliche Alternativen?

Ich denke, wie oben bereits angedeutet, sollten wir Holzlager, insbesondere Nasslagerplätze, als Element einer besseren Klimaresilienz für die Gesellschaft begreifen und als Bestandteil einer notwendigen Infrastruktur für eine nachhaltige Waldbewirtschaftung sowie für die Holzverarbeitungsindustrie, die nachgelagerten Handwerksbetriebe sowie die Baubranche. So können wir den wertvollen Rohstoff Holz, wenn er am Markt nicht gerade absetzbar ist, für einige Zeit konservieren und einer volkswirtschaftlich hochwertigen Verwendung zuführen. Nasslager sind eine mittel- bis langfristige Investition und lassen sich bei sinnvoller Auslastung und Integration in die Holzernte und Logistik wirtschaftlich betreiben. Ohne ihre Lagerplätze hätten beispielsweise die Bayerischen Staatsforsten in den letzten Jahren nicht viele hunderttausend Festmeter Stammholz kurz- bis mittelfristig lagern können und später ohne oder nur mit unwesentlichen Preisabschlägen an den Markt abgeben können, sondern wohl zu niedrigeren Preisen verkaufen müssen. Holzlager insgesamt flexibilisieren also den Holzfluss und helfen den Insektizideinsatz bei der Borkenkäferbekämpfung zu vermeiden, da das Holz schneller aus dem Wald kommt.

Für den kleinen Privatwald ist es tatsächlich schwierig Nasslagerplätze aufzubauen und zu betreiben. Deshalb fördert die bayerische Staatsregierung die Anlage von Beregnungsplätzen. Forstbetriebe und die Selbsthilfeeinrichtungen der Waldbesitzer, also Forstbetriebsgemeinschaften und Waldbesitzervereinigungen, können bis zu 80% der Nettokosten erstattet bekommen. Die Betreiber müssen nur noch ein tragfähiges Geschäftsmodell aufbauen.

Es gibt noch die Möglichkeit der Folienlagerung, die bei kleineren Holzmengen sinnvoll sein kann, sie ist aber auch nicht kostengünstig und erfordert einen gewissen Kontrollaufwand.

Darüber hinaus sollten wir bedenken, dass im Fall einer Kalamität die Lagerplätze im Wald oft nicht ausreichen. Damit die Aufarbeitung nicht ins Stocken kommt, muss das Holz rasch aus dem Wald heraus transportiert werden. Allerdings sind bei Kalamitäten oft auch die Transportkapazitäten knapp.  Dann ist es von Vorteil, das Holz über kurze Entfernung auf Trockenlagerplätze außerhalb des Waldes zu bringen. Sind diese weit genug (>500 m) von Nadelwäldern entfernt, ist auch keine Behandlung mit Insektiziden gegen Borkenkäfer nötig. Von den Trockenlagerplätzen aus kann das Holz dann auch mit Sattelaufliegern ohne Kran zu den Sägewerken transportiert werden. Pro LKW kann so mehr Holz transportiert werden, weil das Gewicht des Krans entfällt, und es können Fahrer eingesetzt werden, die keine Kräne bedienen müssen.

Die Frage nach ausreichenden Lagerkapazitäten hat sehr an Bedeutung zugenommen. Nicht zuletzt deshalb, scheint es sinnvoll, dass die FBGs zusammen mit den ÄELFs für den Privat- und Körperschaftswald in ihrer Region Lagerkonzepte entwickeln und möglichst Nass- und Trockenlagerplätze organisieren. Aufgrund der hohen Förderung sollte die Anlage von Holzlagern nicht am finanziellen Aufwand scheitern.

Brauchen wir (temporär) eine Erhöhung der Einschnittkapazität?

Für eine Erhöhung der Einschnittkapazität sind hohe Investitionen erforderlich, deutlich höhere als etwa für die Anlage von Nasslagerplätzen. In Zeiten konjunktureller Schwächephasen, wie zurzeit, sind die Sägewerke nicht komplett ausgelastet und aufgrund temporärer Kalamitäten die Einschnittkapazitäten zu erhöhen wäre für die Säge ein hohes Risiko.

Welche hochwertigen Verwendungsmöglichkeiten für Kalamitätsholz gibt es?

Auf den Begriff des Kalamitätsholzes bin ich oben bereits kurz eingegangen. Die Verwendungsmöglichkeiten von Rundholz – Industrie- und Energieholz möchte ich hier außen vor lassen – hängen entscheidend von seinen Dimensionen und seiner Qualität ab. 

Die Rahmenvereinbarung für den Rohholzhandel in Deutschland (RVR) definiert u.a. Qualitätsklassen für Nadelstammholz. Es kommt bei Holz, dass beispielsweise aufgrund von Borkenkäferbefall eingeschlagen wurde, entscheidend darauf an, welche Qualität es beim Verkauf oder bei der Einlagerung ins Nasslager tatsächlich hat. Der Sortierkatalog der RVR gibt gute Anhaltspunkt sowohl für den Waldbesitzer als auch für den Holzkäufer. Beispielsweise ist eine leichte bedingte Anflugbläue kein Hindernis Holz in die Klasse B beziehungsweise B/C zu sortieren. 

Auch beim Befall mit rindenbrütenden Borkenkäfern kann Fichtenholz noch in die Qualitätsklasse B sortiert werden, wenn der Käfer frisch eingebohrt ist, noch keine Fraßgänge vorliegen, die Rinde noch fest am Stamm ist und das Holz noch nicht verfärbt ist. Diesen frischen Befall im Wald festzustellen, ist natürlich für den Waldbesitzer nicht einfach und mit hohem Aufwand verbunden. Dieser Aufwand ist aber essenziell und notwendig, um erstens die Borkernkäfervermehrung rasch zu unterbinden und zweitens die befallenen Stämme schnellstmöglich zu ernten und so die Chance zu haben, ohne Abschläge gesundes Holz verkaufen oder nasslagern zu können.

Es wird häufig über die Preisabschläge bei der Bläue diskutiert. Der Käufer versucht naturgemäß sein Risiko zu minimieren und den Preis zu drücken. Dies gelingt häufig bei einem hohem Holzangebot, das am Markt kaum unterzubringen ist. Die Bläue ist nur eine Verfärbung des Holzes, beeinflusst die mechanischen Eigenschaften von Fichtenholz noch nicht und kann deshalb bspw. als Bauholz Verwendung finden. Also findet sich verblautes Holz bspw. in Dachstühlen und in den inneren Lagen von Leimbindern und Platten.

Obwohl Holz, das z.B. im Rahmen von Borkenkäferkalamitäten anfällt, für hochwertige Anwendungen verwendet werden kann, wird i. d. R. ein reduzierter Preis dafür gezahlt. Gibt es Möglichkeiten eine faire Preisgestaltung zwischen Produzenten und Abnehmern zu unterstützen oder zu begünstigen?

Wie bereits ausgeführt kommt es immer auf die Qualität der einzelnen Stämme an. Liegt eine gute Qualität vor, wie oben beschrieben, kann durch eine Nasslagerung ein Überangebot am Markt überbrückt werden, Holzlager wirken wie Puffer. Ein Holzverarbeitungsunternehmen kann nicht unbegrenzt verblautes Holz kaufen, da seine Verwendung für ihn eingeschränkt ist. In Zeiten eines Überangebotes wird ein Säger immer versuchen, den Preis zu drücken, um sein Betriebsrisiko zu senken. Bei großflächigen Borkenkäfermassenvermehrungen lassen sich die zum Teil sehr großen Mengen an Fichtenholz regional nicht mehr absetzen, da stoßen die Unternehmen auch physisch an ihre Grenzen. Für den Transport in weiter entfernte Absatzgebiete entstehen Logistikkosten, Preisnachlässe sind da kaum vermeidbar. Grundsätzlich bleibt die Preisgestaltung zwischen Käufer und Verkäufer dem Markt überlassen. Dies mag unbefriedigend für den betroffenen Waldbesitzer sein, aber marktregulierende Eingriffe, wie etwa in der Landwirtschaft, halte ich in der Forstwirtschaft nicht für sinnvoll.

 

holz bild

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