Wälder der Zukunft säen statt pflanzen?
Im Gespräch mit Ole Seidenberg, Geschäftsführer SKYSEED
Herr Seidenberg, die Forstwirtschaft in Deutschland steht aktuell vor großen Herausforderungen im Hinblick auf Waldumbau und Klimaanpassung unserer Wälder. Neben Naturverjüngung und Pflanzung gibt es die Möglichkeit der Direktsaat. Können Sie kurz beschreiben, was genau man darunter versteht?
Unter Direktsaat versteht man die direkte Aussaat von Forstsamen auf der Waldfläche, sodass die Bäume direkt am späteren Standort aus dem Samen keimen und wurzeln können. Im Gegensatz zur Pflanzung werden also keine vorgezogenen Setzlinge eingesetzt. Dadurch entstehen natürliche Wurzelsysteme ohne Pflanzschock oder Wurzeldeformationen, was die Stabilität und Resilienz der Bestände – besonders im Hinblick auf den Klimawandel – deutlich verbessert.
Können Sie kurz die von Ihnen entwickelte Technologie beschreiben?
Das Unternehmen Skyseed kombiniert dieses naturnahe Verfahren mit technischen Innovationen: Das Saatgut wird speziell dreifach umhüllt, um es vor Fraß durch Mäuse oder Vögel zu schützen, Feuchtigkeit am Samen zu halten und die Keim- und Überlebensrate so deutlich zu erhöhen. Anschließend wird es je nach Fläche per Forstraupe samt Saat-Aggregat oder mit selbstentwickelter Schwerlastdrohne ausgebracht – auch auf schwer zugänglichen Standorten wie Steilhängen oder Schadflächen.
Für den Waldumbau haben wir extra ein eigenes Saat-Aggregat co-entwickelt, welches die tiefe Ablage von schwersamigen Arten wie Eichen oder Esskastanien mit der Ausbringung von leichtsamigen Arten wie Lärche, Douglasie oder Eberesche direkt am Mineralboden kombiniert ermöglicht. Insgesamt schaffen wir so am Boden eine Flächenleistung von bis zu 6 Hektar am Tag, aus der Luft sind 20 Hektar und mehr möglich.
Welche Vorteile sehen Sie bei Ihrem Verfahren im Vergleich zur Naturverjüngung oder händischen Saat?
Die Vorteile liegen darin, dass das von uns pelletierte Saatgut gezielt dort ausgebracht werden kann, wo es keimen soll. Damit reduzieren wir maßgeblich die Menge des wertvollen Saatgutes, um das gewünschte Bestockungsziel sicherzustellen.
Zudem ist es für den Keimerfolg wesentlich, dass das pelletierte Saatgut auf dem Mineralboden abgelegt und nach Möglichkeit leicht angedrückt wird. Beides ist bei einer Handsaat kaum sicherzustellen, abgesehen von der fehlenden Flächenleistung oder schwer zugänglichen Flächen.
Gegenüber der Naturverjüngung haben wir an und für sich keine wesentlichen Vorteile, denn wir ahmen diese ja praktisch nach. Jedoch ermöglichen wir das gezielte Einbringen weiterer Baumarten, die von allein in großen Reinbeständen nicht mehr ohne weiteres einwehen oder eingebracht werden würden. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sowohl Naturverjüngung als auch die Direktsaat einen elementaren Vorteil gegenüber der Pflanzung haben: Die schnelle und stabile Wurzelentwicklung. Dazu gibt es auch fundierte Forschungsergebnisse z.B. von der LWF. Die Wurzelentwicklung ist das A und O für den Aufbau stabiler Bestände.
Für welche „Situationen“ (Bestand / Fläche, Gelände etc.) eignet sich Ihre Methode besonders und wo liegen die Grenzen?
Wir bieten das von uns pelletierte Saatgut für alle Bedarfe unserer Kunden an. Für den Waldumbau bietet sich die Ausbringung mit der Forstraupe mit Saatmodul an. Für größere Freiflächen z.B. nach Käferkalamitäten und Räumung oder nach Waldbränden bietet sich die Ausbringung mit der selbst entwickelten Schwerlastdrohne an, eine vorherige Bodenverwundung ist immer dann nötig, wenn zu viel Schlagabraum, Moos oder ähnliches die Fläche bereits bedecken. Für ganz schwierige Gelände oder für die horstweise Ausbringung bieten wir u.U. auch die Handsaat an. Wichtig ist, dass der Mineralboden für die Saat fängisch ist und mindestens kleinflächig freiliegt.
Wie gut lassen sich Naturverjüngung und Ihre Direktsaat kombinieren?
Naturverjüngung und Direktsaat lassen sich perfekt kombinieren. Die Naturverjüngung ist abhängig von den Samenbäumen in unmittelbarer Nähe. In bestehenden Kiefern-Reinbeständen z.B. findet man häufig hinreichend Birken, Ebereschen und manchmal auch die ein oder andere Eiche. Kunden können mit unseren Pellets dann weitere Baumarten genau da ausbringen, wo sie standortgerecht aufwachsen können und somit zukunftsfähige Bestände etablieren. Sowohl bei der Drohnensaast als auch bei der Saat mit der Forstraupe nehmen wir auf bestehende Naturverjüngung Rücksicht und umfahren oder umfliegen diese.
Wie hoch sind die durchschnittlichen Kosten der Direktsaat pro Hektar?
Das kommt ganz darauf an - es hängt zum einen von der Baumartenmischung ab, die unsere Kunden wünschen und zum anderen vom Bestockungsziel. Auf unserer Webseite finden Sie einen "Direktsaat-Konfigurator", bei dem sich unsere Kunden einen ersten Überblick über die ca-Kosten verschaffen können. In aller Regel sind wir günstiger als eine vergleichbare Pflanzung und landen bei ca. 4000-5500 Euro netto je Hektar inkl. Saatgut.
Gibt es Unterschiede in der Eignung verschiedener Baumarten für die Direktsaat und welche Baumarten sind besonders vielversprechend?
Wir bieten viele Baumarten für unterschiedliche Gegebenheiten an, von vielen verschiedenen Tannen-Arten über Lärche, Douglasie, Eberesche, Rotbuche, Sandbirke, allen drei Eichenarten, Esskastanie und viele weitere mehr. Es ist uns wichtig zu erwähnen, dass wir ganz grundsätzlich und fundiert das Forstvermehrungsgutgesetz (FoVG) umsetzen und Saatgut gemäß der aktuellen Herkunftsempfehlungen beziehen und unseren Kunden anbieten. Allerdings sind wir durchaus auch ggü. zugelassenen Versuchen mit Alternativbaumarten aufgeschlossen, wenn sich diese durch die Klimaveränderungen vor Ort anbieten.
In der Tat sind nicht alle Baumarten gleich gut für die Direktsaat geeignet, zumal manche Baumarten besonders aufwendig vorzubehandeln sind. So bieten wir z.B. nur in seltenen Fällen Vogelkirsche oder Winterlinde an, weil diese eine besonders lange Keimruhe aufweisen, die nur mit großem Vorlauf abzubauen ist. 80 % der gängigen Baumarten können wir jedoch bereits guten Gewissens in der Direktsaat anbieten.
Herzlichen Dank für die wertvollen Einblicke!
Holzforschung neu vernetzt
In Deutschland gibt es eine Vielzahl an hochkarätigen Forschungseinrichtungen im Forst- und Holzbereich. Während erstere, z. B. im Deutschen Verband Forstlicher Forschungsanstalten, gut untereinander vernetzt sind, entsteht für den Holzbereich spätestens seit dem Wegfall der Deutschen Gesellschaft für Holzforschung (DGfH), (wieder) ein stärker werdender Ruf der Branche nach einer Vernetzung, um z. B. Forschungsthemen untereinander abzustimmen, einen fachlichen Austausch zu ermöglichen und gemeinsam Forschungsprojekte voranzutreiben. Dazu wurde bereits 2025 eine Initiative unter Leitung des Thünen Institut für Holzforschung gestartet.
Im Gespräch mit Prof. Dr. Andreas Krause, Leiter des Thünen Institut für Holzforschung, möchten wir mehr zum Thema erfahren.
Herr Krause, können Sie nochmals in eigenen Worten und aus Ihrer Sicht die Beweggründe zur Initiative erläutern?
Während meines Einsatzes zur Ausarbeitung eines Konzeptes für ein „Nationales Zentrum Wald- und Holzforschung“ hatte ich die Aufgabe die Einbindung der Holzforschung zu koordinieren. Dabei wurde mir bewusst, wie schlecht die aktuelle Vernetzung zwischen den Holzforschenden ist, da es keine zentrale Adressensammlung oder etablierte Strukturen gab. Das Netzwerk bestand mehr oder weniger aus „zufälligen“ Bekanntschaften.
Nachdem die Initiative nicht erfolgreich beendet wurde, wurde mir klar, dass die Situation der kleinteiligen Holzforschungslandschaft ein genereller struktureller Nachteil der Community ist. Dadurch ist die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit eingeschränkt und das Bewusstsein für Forschungsinvestitionen in dem Bereich schlecht ausgeprägt. Meist sind die Holzforschenden nur eine „Randerscheinung“ in der eigenen Organisation und bekommen deshalb sehr wenig strukturelle Unterstützung. Aus diesen Gründen entschloss ich mich eine Initiative für bessere Vernetzung zu starten.
Wie stellt sich der Prozess der Initiierung dar und wie werden interessierte Personen bzw. Einrichtungen eingebunden?
Wir haben angefangen eine Liste mit den Forschungsinstitutionen auszuarbeiten und so Kontakte zu allen bisher bekannten Stellen aufzubauen. Insgesamt haben wir inzwischen mehr als 100 Personen auf der Liste, die als Professor*innen oder Führungspersonen in der Holzforschung arbeiten. Wir haben dann alle bekannten Institutionen zu einem ersten Treffen im März 2025 nach Hamburg eingeladen, um gemeinsam zu besprechen, ob ein Interesse an stärkerer Vernetzung besteht.
Das Interesse war so groß, dass ein weiteres Treffen in 2025 vereinbart wurde, welches im November in Dresden stattfand. Dort wurde beschlossen, dass die Vernetzung vertieft werden und in eine eigene Organisationsform überführt werden soll. Alle Einrichtungen, in denen sich Personen wissenschaftlich mit Holz beschäftigen, sind zu der Vernetzung eingeladen. Wir finden immer mal wieder auch Organisationen, die noch nicht auf unserer Liste stehen. Wer sich beim Lesen des Textes angesprochen fühlt mitzumachen, ist herzlich eingeladen.
Was sind die gemeinsam formulierten Ziele der Initiative?
Wir wollen:
- die Vernetzung der Holzforschungscommunity vorantreiben
- eine bessere Sichtbarkeit der Holzforschung nach außen erreichen
- Attraktivität der Community für Studierende und Forschende erhöhen
- zentrale Forschungsthemen zur Holznutzung in der Gesellschaft in öffentlichen Förderprogrammen verankern
Wie bewerten Sie das Interesse / die Reaktion der Forschungseinrichtungen, aber auch weiterer Vertreter der Branche, z. B. der holzverarbeitenden Industrie?
Das Interesse bei den Forschungseinrichtungen ist sehr groß. Das merken wir an der Beteiligung an dem Prozess ganz deutlich. Viele Stimmen sagen, dass es ein längst überfälliger Schritt ist. Vielleicht sehen noch nicht alle Einrichtungen den klaren Vorteil der Vernetzung, aber ich sehe hier ein zunehmendes Interesse.
Wie geht es im Prozess um die Etablierung weiter?
In Dresden haben wir eine Sprecherin (Prof. Katja Frühwald-König) und einen Sprecher (Prof. Dr. Markus Rüggeberg) gewählt, die bereits im Auftrag der Community tätig werden. Es wird ein weiteres Treffen in München/Freising im Frühjahr 2026 geben. Dann werden wir hoffentlich die groben Strukturen der Organisation festzurren und detailliertere inhaltliche Gespräche führen. Spätestens dann wird es einen Namen und ein Logo geben. Es wird zurzeit geprüft, ob die Holzforschung eine eigene Fachgruppe in der DFG sein kann.
KI in der Holzforschung
Im Gespräch mit Dr. Franka Brüchert, stv. Abteilungsleiterin, und Martin Huber, wissenschaftlicher Mitarbeiter, an der Abteilung Waldnutzung, Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA)
Fotos: Christian Hanner
Frau Dr. Brüchert, Sie forschen an der automatisierten Erkennung und Quantifizierung von Holzstrukturen und Holzmerkmalen mittels bildgebender Verfahren. Können Sie uns einen Einblick in die Verfahren und ihre Einsatzbereiche in der Holzverarbeitung geben?
Die FVA Baden-Württemberg betreibt seit 2008 eine Rundholzvermessungsanlage, die eine praxisübliche 3D-Kontour-Vermessung durch Laser-Triangulation der äußeren Stammform mit einer computertomografischen Vollerfassung des Stamminneren durch Röntgenstrahlung kombiniert. Letztes Jahr haben wir nun die Röntgenquelle verstärkt, so dass die Anlage neben mittelstarkem Nadelstammholz nun auch Nadelstarkholz durchstrahlen kann und waldfrisches Laubstammholz. Beim Umbau haben wir auch Farbkameras mit eingebaut, so dass die Anlage einen echten Multi-Sensoren-Scanner für den Stammmantel und das Stamminnere repräsentiert, wie wir ihn auch in der Sägeindustrie am Rundholzplatz eingebaut finden können.
Die Röntgenvolltomografie (CT) mit verrechneten 900 Einzelebenen ergibt ein sehr scharfes Schwarzweiß-Bild der innenliegenden Strukturen wie beispielsweise der Äste, der Risse, oder des Jahrringaufbaus. Die Bilder haben mit bis zu 1 mm Voxelgröße eine hohe Auflösung für die Darstellung, und das über ca. 5 m Stammlänge. Dies ergibt riesige Datenmengen für jeden einzelnen Stammabschnitt, die zweidimensional wie Stammquerschnitte analysiert werden. Aufwändiger wird es rechentechnisch die Strukturen in 3D zu bearbeiten, um sie automatisiert zu erkennen.
In der Industrie wird eine solche Merkmalserkennung beispielsweise genutzt, um die Position und Eindrehung des Stamms im Sägewerk zu optimieren und somit die Schnittholzqualität zu verbessern. Diese kann nach dem Einschnitt wiederum durch bildgebende Verfahren beurteilt werden. Der große Unterschied zur Forschung besteht darin, dass die Einschnittsoptimierung und die Beurteilung des Schnittholzes in sehr hoher Geschwindigkeit stattfinden müssen, um den Produktionsprozess nicht zu verlangsamen.
Herr Huber, welche Rolle spielt dabei Künstliche Intelligenz (KI)?
Wie in vielen anderen Bereichen, hält die KI auch mehr und mehr Einzug in die Holzforschung und die Holzverarbeitung. Sie löst bisherige klassische bildgestützte Analyseverfahren ab und übertrifft diese sowohl in Bezug auf die Qualität der Merkmalserkennung als auch in Bezug auf die Geschwindigkeit. Beides sind Bereiche, die für einen breiten Einsatz bildgestützter Verfahren in der Holzverarbeitung eine immense Rolle spielen.
Die Anwendungsgebiete der KI Verfahren erstrecken sich dabei über fast alle Bereiche der Holzverarbeitung von der Merkmalsdetektion im Rundholz über die Stammwiedererkennung bis hin zur Beurteilung des Schnittholzes um nur einige Beispiele zu nennen.
Viele Ansätze zum Einsatz künstlicher Intelligenz befinden sich derzeit noch im Forschungs- und Entwicklungsstadium, zahlreiche sind aber auch schon produktiv im Einsatz und es werden immer mehr. Ich bin überzeugt, dass wir hier gerade erst am Anfang einer großen Entwicklung stehen.
Auch bei uns an der FVA ist diese Entwicklung zu erkennen. Während die meisten unserer Algorithmen zur Merkmalserkennung in CT Bildern von Rundholz noch auf konventionellen Analyseverfahren beruhen, beschäftigen wir uns seit einigen Jahren nahezu ausschließlich mit KI Ansätzen. Diese ermöglichen es uns die Qualität der Merkmalsextraktion sowie die Geschwindigkeit zu erhöhen und auch komplexere Merkmalserkennungen durchzuführen, die mit klassischen Analyseverfahren bisher kaum oder nur mit extremem Aufwand zu bewältigen gewesen wären.
Wie unterscheiden sich KI-unterstützte Verfahren von klassischen bildgestützten Analyseverfahren?
Bei konventionellen bildgestützten Analyseverfahren programmieren wir feste Regeln, die in einem festgelegten Schema ablaufen um beispielsweise Merkmale zu extrahieren. Dafür müssen wir die Bilder selbst analysieren und uns überlegen, wie sich bestimmte Merkmale von dem Rest des Bildes unterscheiden und wie wir diese Unterschiede nutzen können, um die Merkmale zu detektieren. Klassischerweise können das beispielsweise Schwellenwertverfahren sein, die Pixel ab einer gewissen Intensität extrahieren oder Kantendetektionsverfahren, die Kanten im Bild hervorheben. Je nach Komplexität des zu erkennenden Merkmals wird die Aneinanderreihung dieser Regeln sehr komplex. Kontrastarmut zwischen dem gesuchten Merkmal und der Umgebung spielt dabei eine große Rolle.
Für Bilder, die sich sehr ähnlich sind, können solche Regeln sehr gut funktionieren und sehr zuverlässig die gewünschten Merkmale erkennen. Beim Holz als natürlichen Rohstoff treten allerdings immer wieder Variationen auf. Jeder Baum hat beispielsweise seine individuelle Holzdichte und auch die auftretenden Merkmale werden zum Beispiel vom Standort und den Wuchsbedingungen beeinflusst. Dies führt dazu, dass die Analyseverfahren noch komplexer werden und teilweise schon fast auf einen einzelnen Baum angepasst werden müssten um zuverlässig zu funktionieren.
Bei KI Verfahren hingegen erstellen wir ein Modell, welches selbstständig lernt Merkmale zu extrahieren. Durch Beispielbilder lernt das Modell die wichtigsten und markantesten Muster zu identifizieren, die mit einem Merkmal in Verbindung stehen. Dabei kann das Modell auch lernen mit komplexen Situationen und den natürlichen Variationen des Holzes umzugehen. Dafür sind jedoch umfangreiche und verschiedenartige Datensätze notwendig, damit das Modell während des Lernprozesses auch mit diesen Situationen und Variationen konfrontiert wird. Im Bereich des klassischen überwachten Lernens nutzen wir dafür beispielsweise Datensätze, in denen die zu erkennenden Merkmale zuvor markiert wurden. Diese Markierung der Merkmale bedeutet im Vorlauf in der Regel einen massiven Zeitaufwand.
Für welche weiteren Einsatzbereiche sehen Sie in der Holzforschung ein besonderes Potenzial KI-unterstützer Verfahren?
Es sind noch viele KI-Anwendungen in der Entwicklung, die großes Potential haben.
Einige Teams arbeiten an der Wiederkennung von Stammquerschnittsflächen anhand der Jahrringstruktur, um Stämme eindeutig zuordnen zu können. Ein solches Tracking hat ein riesiges Anwendungsfeld, denn es erlaubt eine eindeutige Identifikation von Rohholz und bietet so die Möglichkeit des Herkunftsnachweises, wenn die Information zum Waldort ebenfalls gespeichert wurde und informationstechnisch mitgeführt wird. In der Diskussion um die EUDR, die Europäische Holzverordnung, wäre das ein großer Schritt.
Auch die Kollegen und Kolleginnen vom Thünen-Institut setzen gerade intensiv KI-Ansätze bei bildgestützten Verfahren ein, um die Holzartenzusammensetzung von Zellstoff oder Papierprodukten zu analysieren. Die einzelnen Holzarten unterscheiden sich stark in der Ausprägung ihrer Holzfasern, die KI hilft bei mikroskopischen Aufnahmen von Materialproben die unterschiedlichen Holzfasern zu erkennen und den Holzarten zuzuordnen.
Ein anderes Beispiel dort ist auch der KI-basierte Ansatz der mikroskopischen Baumartenerkennung anhand von anatomischen Schnitten zum Beispiel von Mahagoni. Hintergrund ist das CITES-Artenschutzabkommen, um Handel mit geschützten Arten verfolgen zu können. Die Identifikation machen Spezialisten augenblicklich direkt selbst am Mikroskop, wenn man das automatisieren kann, ist das eine große Unterstützung.
Sieht man sich die breite Palette von KI-Methoden an, sind diese ja nicht auf bildgebende Verfahren beschränkt. Da kann man den Bogen dann ganz weit spannen und es kommen fast alle Bereiche der Holzforschung dazu: Holztechnologie, die Entwicklung neuer Holzprodukte, Schnittholzsortierung, Festigkeitssortierung, der ganze Bereich des Holzbaus.
Wo liegen für diese Verfahren die größten Hürden auf dem Weg zu marktreifen Lösungen?
In vielen Fällen dürfte die größte Hürde sicherlich die Erstellung eines geeigneten Datensatzes sein, der benötigt wird um die KI-Modelle zu trainieren. Oft sind viele tausende Bilder notwendig, um ein KI-Modell so zu trainieren, dass es zuverlässige Ergebnisse liefert. Diese Bilder zu erstellen und dabei auch die notwendige Vielfalt zum Beispiel in Bezug auf die Herkunft des Holzes abzudecken ist enorm aufwändig. Auch unsere Datensätze an CT Bildern, die wir in den vergangenen Jahren gesammelt haben, reichen oftmals noch nicht aus, um zuverlässige KI-Modelle für die Extraktion der Merkmale zu erstellen.
Ein weiteres Hemmnis dürften die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel für Forschung und Entwicklung in unserer Branche sein und die Zahl von KI-Expertinnen und -Experten derzeit. Deren Anzahl ist aktuell noch sehr beschränkt und ihre Kenntnisse in vielen Branchen überaus gefragt. Darunter Branchen, die deutlich mehr finanzielle Mittel zur Verfügung haben als die Forst- und Holzindustrie. Oft sind die Anwendungsfelder aber auch gar nicht bekannt. Da muss die Forst- und Holzbranche noch deutlich öffentlichkeitswirksamer auftreten und um diese Expertinnen und Experten werben.
Interview „Lagerung und Verwendung von Kalamitätsholz“: Im Gespräch mit Dr. Michael Lutze, Experte für Holzverwendung, -lagerung und -sortierung (Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft)

Herr Dr. Lutze, seit einigen Jahren beobachten wir regelmäßig großflächige Kalamitäten, verursacht unter anderem durch Borkenkäfer, Dürre und Hitzewellen. Was bedeutet dies für die (heimische) Forst- und Holzwirtschaft?
Die von Ihnen genannten extremen Wetterereignisse und die daraus resultierenden Massenvermehrungen von Borkenkäfern führen zu Kalamitäten, die uns zeigen, dass wir mitten im Prozess des Klimawandels leben. Wir müssen akzeptieren, dass sich die Lebensverhältnisse auf unserem Planeten ändern und dies wird die Forst- und Holzwirtschaft massiv beeinflussen.
Es ist unabdingbar, die Widerstandskraft der Wälder gegenüber dem Klimawandel zu erhöhen. Das bedeutet insbesondere für naturferne Nadelholzbestände und vor allem für Fichtenreinbestände, dass sie - soweit noch nicht geschehen - baldmöglichst in Mischwälder mit einem hohen Anteil an Baumarten, die mit dem sich verändernden Klima besser zurechtkommen, umgebaut werden.
Darüber hinaus müssen neben waldbaulichen Maßnahmen verstärkt Investitionen in die forstliche Infrastruktur getätigt werden, hier sollte ein Fokus auf Holzlagerplätzen liegen, denn die durch Kalamitäten verursachten unregelmäßigen Holzanfälle können so besser ausgeglichen und die heimische Holzwirtschaft laufend mit Rohstoffen versorgt werden.
Wie lässt sich ein Qualitätsverlust des Holzes, beispielsweise durch nachfolgenden Schädlings- oder Pilzbefall, verhindern, wenn Kalamitätsholz nicht zeitnah verarbeitet werden kann?
Bei Ihrer Frage möchte ich nicht das gesamte bei einer Kalamität anfallende Holz betrachten, sondern nur Holz, das auch bei einem normalen Einschlag als sägefähiges Stammholz bezeichnet wird. Der Qualitätsverlust von Stammholz lässt sich durch sachgerechtes Nasslagern verhindern. Diese Methode ist bewährt und es liegen genügend Erfahrungen vor. Holz guter Qualität, also etwa Holz der Qualitätsklasse B und der Mischqualität B/C, kann bei fachlich guter Bewässerung ein bis zwei Jahre gelagert werden und kommt mit der gleichen Qualität aus dem Lager, wie es hineingekommen ist.
Die Einrichtung und der Betrieb von Nasslagerplätzen sind kostenintensiv und aufwendig. Welche Möglichkeiten gibt es, solche Lagerkapazitäten wirtschaftlich sinnvoll aufzubauen, und existieren technisch umsetzbare und wirtschaftliche Alternativen?
Ich denke, wie oben bereits angedeutet, sollten wir Holzlager, insbesondere Nasslagerplätze, als Element einer besseren Klimaresilienz für die Gesellschaft begreifen und als Bestandteil einer notwendigen Infrastruktur für eine nachhaltige Waldbewirtschaftung sowie für die Holzverarbeitungsindustrie, die nachgelagerten Handwerksbetriebe sowie die Baubranche. So können wir den wertvollen Rohstoff Holz, wenn er am Markt nicht gerade absetzbar ist, für einige Zeit konservieren und einer volkswirtschaftlich hochwertigen Verwendung zuführen. Nasslager sind eine mittel- bis langfristige Investition und lassen sich bei sinnvoller Auslastung und Integration in die Holzernte und Logistik wirtschaftlich betreiben. Ohne ihre Lagerplätze hätten beispielsweise die Bayerischen Staatsforsten in den letzten Jahren nicht viele hunderttausend Festmeter Stammholz kurz- bis mittelfristig lagern können und später ohne oder nur mit unwesentlichen Preisabschlägen an den Markt abgeben können, sondern wohl zu niedrigeren Preisen verkaufen müssen. Holzlager insgesamt flexibilisieren also den Holzfluss und helfen den Insektizideinsatz bei der Borkenkäferbekämpfung zu vermeiden, da das Holz schneller aus dem Wald kommt.
Für den kleinen Privatwald ist es tatsächlich schwierig Nasslagerplätze aufzubauen und zu betreiben. Deshalb fördert die bayerische Staatsregierung die Anlage von Beregnungsplätzen. Forstbetriebe und die Selbsthilfeeinrichtungen der Waldbesitzer, also Forstbetriebsgemeinschaften und Waldbesitzervereinigungen, können bis zu 80% der Nettokosten erstattet bekommen. Die Betreiber müssen nur noch ein tragfähiges Geschäftsmodell aufbauen.
Es gibt noch die Möglichkeit der Folienlagerung, die bei kleineren Holzmengen sinnvoll sein kann, sie ist aber auch nicht kostengünstig und erfordert einen gewissen Kontrollaufwand.
Darüber hinaus sollten wir bedenken, dass im Fall einer Kalamität die Lagerplätze im Wald oft nicht ausreichen. Damit die Aufarbeitung nicht ins Stocken kommt, muss das Holz rasch aus dem Wald heraus transportiert werden. Allerdings sind bei Kalamitäten oft auch die Transportkapazitäten knapp. Dann ist es von Vorteil, das Holz über kurze Entfernung auf Trockenlagerplätze außerhalb des Waldes zu bringen. Sind diese weit genug (>500 m) von Nadelwäldern entfernt, ist auch keine Behandlung mit Insektiziden gegen Borkenkäfer nötig. Von den Trockenlagerplätzen aus kann das Holz dann auch mit Sattelaufliegern ohne Kran zu den Sägewerken transportiert werden. Pro LKW kann so mehr Holz transportiert werden, weil das Gewicht des Krans entfällt, und es können Fahrer eingesetzt werden, die keine Kräne bedienen müssen.
Die Frage nach ausreichenden Lagerkapazitäten hat sehr an Bedeutung zugenommen. Nicht zuletzt deshalb, scheint es sinnvoll, dass die FBGs zusammen mit den ÄELFs für den Privat- und Körperschaftswald in ihrer Region Lagerkonzepte entwickeln und möglichst Nass- und Trockenlagerplätze organisieren. Aufgrund der hohen Förderung sollte die Anlage von Holzlagern nicht am finanziellen Aufwand scheitern.
Brauchen wir (temporär) eine Erhöhung der Einschnittkapazität?
Für eine Erhöhung der Einschnittkapazität sind hohe Investitionen erforderlich, deutlich höhere als etwa für die Anlage von Nasslagerplätzen. In Zeiten konjunktureller Schwächephasen, wie zurzeit, sind die Sägewerke nicht komplett ausgelastet und aufgrund temporärer Kalamitäten die Einschnittkapazitäten zu erhöhen wäre für die Säge ein hohes Risiko.
Welche hochwertigen Verwendungsmöglichkeiten für Kalamitätsholz gibt es?
Auf den Begriff des Kalamitätsholzes bin ich oben bereits kurz eingegangen. Die Verwendungsmöglichkeiten von Rundholz – Industrie- und Energieholz möchte ich hier außen vor lassen – hängen entscheidend von seinen Dimensionen und seiner Qualität ab.
Die Rahmenvereinbarung für den Rohholzhandel in Deutschland (RVR) definiert u.a. Qualitätsklassen für Nadelstammholz. Es kommt bei Holz, dass beispielsweise aufgrund von Borkenkäferbefall eingeschlagen wurde, entscheidend darauf an, welche Qualität es beim Verkauf oder bei der Einlagerung ins Nasslager tatsächlich hat. Der Sortierkatalog der RVR gibt gute Anhaltspunkt sowohl für den Waldbesitzer als auch für den Holzkäufer. Beispielsweise ist eine leichte bedingte Anflugbläue kein Hindernis Holz in die Klasse B beziehungsweise B/C zu sortieren.
Auch beim Befall mit rindenbrütenden Borkenkäfern kann Fichtenholz noch in die Qualitätsklasse B sortiert werden, wenn der Käfer frisch eingebohrt ist, noch keine Fraßgänge vorliegen, die Rinde noch fest am Stamm ist und das Holz noch nicht verfärbt ist. Diesen frischen Befall im Wald festzustellen, ist natürlich für den Waldbesitzer nicht einfach und mit hohem Aufwand verbunden. Dieser Aufwand ist aber essenziell und notwendig, um erstens die Borkernkäfervermehrung rasch zu unterbinden und zweitens die befallenen Stämme schnellstmöglich zu ernten und so die Chance zu haben, ohne Abschläge gesundes Holz verkaufen oder nasslagern zu können.
Es wird häufig über die Preisabschläge bei der Bläue diskutiert. Der Käufer versucht naturgemäß sein Risiko zu minimieren und den Preis zu drücken. Dies gelingt häufig bei einem hohem Holzangebot, das am Markt kaum unterzubringen ist. Die Bläue ist nur eine Verfärbung des Holzes, beeinflusst die mechanischen Eigenschaften von Fichtenholz noch nicht und kann deshalb bspw. als Bauholz Verwendung finden. Also findet sich verblautes Holz bspw. in Dachstühlen und in den inneren Lagen von Leimbindern und Platten.
Obwohl Holz, das z.B. im Rahmen von Borkenkäferkalamitäten anfällt, für hochwertige Anwendungen verwendet werden kann, wird i. d. R. ein reduzierter Preis dafür gezahlt. Gibt es Möglichkeiten eine faire Preisgestaltung zwischen Produzenten und Abnehmern zu unterstützen oder zu begünstigen?
Wie bereits ausgeführt kommt es immer auf die Qualität der einzelnen Stämme an. Liegt eine gute Qualität vor, wie oben beschrieben, kann durch eine Nasslagerung ein Überangebot am Markt überbrückt werden, Holzlager wirken wie Puffer. Ein Holzverarbeitungsunternehmen kann nicht unbegrenzt verblautes Holz kaufen, da seine Verwendung für ihn eingeschränkt ist. In Zeiten eines Überangebotes wird ein Säger immer versuchen, den Preis zu drücken, um sein Betriebsrisiko zu senken. Bei großflächigen Borkenkäfermassenvermehrungen lassen sich die zum Teil sehr großen Mengen an Fichtenholz regional nicht mehr absetzen, da stoßen die Unternehmen auch physisch an ihre Grenzen. Für den Transport in weiter entfernte Absatzgebiete entstehen Logistikkosten, Preisnachlässe sind da kaum vermeidbar. Grundsätzlich bleibt die Preisgestaltung zwischen Käufer und Verkäufer dem Markt überlassen. Dies mag unbefriedigend für den betroffenen Waldbesitzer sein, aber marktregulierende Eingriffe, wie etwa in der Landwirtschaft, halte ich in der Forstwirtschaft nicht für sinnvoll.

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